
- von bleeme. Redaktion
Probiotika: warum die Stammbezeichnung wichtiger ist als die Keimzahl
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Ratgeber / Nährstoffwissen
Die kurze Antwort: Eine Bakterienart wie Lactobacillus acidophilus ist kein Wirkstoff, sondern eine Kategorie. Untersucht werden immer einzelne Stämme, erkennbar an einer Buchstaben-Zahlen-Kennung wie LA85. Was für einen Stamm gezeigt wurde, gilt nicht automatisch für den nächsten derselben Art. Deshalb ist die Frage welche Stämme aussagekräftiger als die Frage wie viele Bakterien.
Nimm die Angabe Lactobacillus acidophilus LA85. Sie besteht aus drei Teilen, und jeder trägt eine andere Information:
| Teil | Bedeutung | Aussagekraft |
|---|---|---|
| Lactobacillus | Gattung | grobe Einordnung, vergleichbar mit einer Familie |
| acidophilus | Art | engere Gruppe, aber immer noch tausende verschiedene Stämme |
| LA85 | Stammkennung | der konkrete, hinterlegte Organismus |
Erst der dritte Teil macht die Angabe überprüfbar. Stämme werden in Kulturensammlungen hinterlegt und bekommen dort eine Nummer. Wenn eine Studie einen Effekt für einen bestimmten Stamm beschreibt, gilt dieser Befund für genau diesen Stamm.
Der Vergleich, der es am ehesten trifft: Die Art ist die Rasse, der Stamm ist der einzelne Hund. Zwei Golden Retriever können sich im Verhalten deutlich unterscheiden. Zwei Stämme von Lactobacillus acidophilus unterscheiden sich in ihren Eigenschaften ebenfalls, obwohl sie denselben Artnamen tragen.
Praktische Folge: Steht auf einer Dose nur Lactobacillus acidophilus ohne Kennung, weißt du nicht, welchen Organismus du bekommst, und der Hersteller kann ihn zwischen Chargen austauschen, ohne die Deklaration ändern zu müssen.
Lebende Kulturen zu essen ist keine Erfindung der Nahrungsergänzung, sondern eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt. Sauerkraut, Kimchi, Kefir, Miso, saure Milch – in jeder Region der Welt entstanden Verfahren, bei denen Milchsäurebakterien Lebensmittel haltbar machten. Dass dabei auch lebende Bakterien mitgegessen wurden, wusste jahrtausendelang niemand.
Die wissenschaftliche Geschichte beginnt um 1900 mit einer kühnen Idee. Der russische Zoologe Ilja Metschnikow, damals am Pasteur-Institut in Paris und später Nobelpreisträger, war beeindruckt von der Langlebigkeit bulgarischer Bauern und führte sie auf deren Säuerungsmilch zurück. Seine Erklärung – Fäulnisbakterien im Darm vergifteten den Körper und ließen sich durch Milchsäurebakterien verdrängen – wurde in den Einzelheiten später korrigiert. Die Grundidee, dass man die Darmbakterien gezielt beeinflussen kann, hat das Fach begründet.
Etwa zeitgleich isolierte der französische Kinderarzt Henry Tissier aus dem Stuhl gestillter Säuglinge eine y-förmige Bakterienart und nannte sie nach ihrer Form Bifidus – der Ursprung der heutigen Bifidobakterien.
In den 1930er-Jahren züchtete der japanische Mikrobiologe Minoru Shirota einen besonders magensaftfesten Stamm, der bis heute seinen Namen trägt und ab 1935 in einem kleinen Fläschchen verkauft wurde – der Beginn des modernen Probiotikamarktes.
Das Wort selbst ist jünger als die Sache: Probiotikum, aus dem Griechischen für „für das Leben“, wurde in den 1960er-Jahren als Gegenbegriff zum Antibiotikum geprägt.
L-Glutamin, das in vielen Darmformeln mitläuft, kommt aus einer anderen Ecke: Es ist die häufigste freie Aminosäure im Blut und der bevorzugte Brennstoff der Zellen, die die Darmschleimhaut auskleiden – ein Befund aus der Stoffwechselforschung der 1970er- und 1980er-Jahre. Welche Rolle diese Zellschicht als Darmbarriere spielt, liest du im Ratgeber Leaky Gut: Symptome, Ursachen und Darmbarriere.
Was heute untersucht ist: Die Forschung ist stammspezifisch, und genau das ist der Kern dieses Artikels. Für einzelne, gut charakterisierte Stämme gibt es kontrollierte Studien zu klar umrissenen Situationen. Für „die Darmflora“ als Ganzes ist die Forschung jung und dynamisch: Die großen Sequenzierprojekte, die überhaupt erst zeigen konnten, wer da unten lebt, sind keine zwei Jahrzehnte alt – entsprechend viel wird gerade erforscht.
KbE steht für koloniebildende Einheiten und beschreibt, wie viele vermehrungsfähige Zellen enthalten sind. Zahlen wie 10, 30 oder 100 Milliarden stehen deshalb groß auf der Packung: Sie sind einfach zu vergleichen.
Richtig aussagekräftig wird sie mit zwei weiteren Angaben: Eine hohe Keimzahl aus einem einzigen Stamm ist etwas völlig anderes als eine Keimzahl aus einer breit aufgestellten Mischung. Und entscheidend ist, ob die Bakterien lebend im Darm ankommen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Keimzahl auszuweisen:
Viele Hersteller schreiben nicht dazu, welche der beiden Angaben gemeint ist. Wer es dazuschreibt, gibt dir eine Information, die du sonst nicht hast.
Wenn du beim Vergleichen von Produkten auf Namen wie Lacticaseibacillus oder Limosilactobacillus stößt und dich fragst, ob das ein Marketingbegriff ist: Nein, das ist der aktuelle wissenschaftliche Name.
2020 erschien im International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology eine Neuordnung der Gattung Lactobacillus. Genetische Analysen hatten gezeigt, dass die Gattung viel zu weit gefasst war: Die Unterschiede zwischen den Arten darin waren größer als die Unterschiede zwischen ganzen anderen Bakteriengattungen. Ergebnis war die Aufteilung in 25 Gattungen.
Betroffen sind ausgerechnet die bekanntesten Namen:
| Früher | Heute |
|---|---|
| Lactobacillus rhamnosus | Lacticaseibacillus rhamnosus |
| Lactobacillus casei / paracasei | Lacticaseibacillus casei / paracasei |
| Lactobacillus plantarum | Lactiplantibacillus plantarum |
| Lactobacillus reuteri | Limosilactobacillus reuteri |
| Lactobacillus salivarius | Ligilactobacillus salivarius |
| Lactobacillus acidophilus | unverändert |
| Lactobacillus helveticus | unverändert |
Für dich heißt das zweierlei. Erstens: Wenn ein Produkt noch die alten Namen verwendet, ist das kein Fehler, sondern nur nicht auf dem aktuellen Stand. Zweitens: Beim Vergleich zweier Produkte kann derselbe Organismus unter zwei verschiedenen Namen auftauchen. Die Stammkennung bleibt in beiden Fällen gleich und ist damit der zuverlässigere Anker.
Bakterienkulturen sind lebende Organismen, und der Magen ist für sie eine unwirtliche Umgebung. Der pH-Wert liegt nüchtern im stark sauren Bereich. Ein erheblicher Teil unverpackter Kulturen übersteht diese Passage nicht.
Dagegen gibt es zwei gängige Ansätze. Der erste ist eine hohe Keimzahl: So viele Kulturen, dass auch nach der Magenpassage genug ankommt.
Der zweite ist eine magensaftresistente Kapselhülle. Sie löst sich nicht im sauren Magen, sondern erst im weniger sauren Dünndarm. Erkennbar ist das in der Zutatenliste, etwa an einem Geliermittel wie Gellan zusätzlich zur pflanzlichen HPMC-Hülle.
Eine dritte Variante ist die Einnahme nüchtern etwa 30 Minuten vor dem Frühstück, wenn der Magen weniger Säure produziert und die Passage schneller ist. Zusammen mit einer resistenten Hülle ergänzen sich beide Ansätze ideal.
Der Unterschied geht in einem Buchstaben unter. Probiotika sind lebende Kulturen. Präbiotika sind unverdauliche Ballaststoffe, die den bereits vorhandenen Bakterien im Dickdarm als Nahrung dienen, etwa Inulin, Akazienfaser oder resistente Stärke.
Manche Produkte kombinieren beides. Diese Kombination wird in Studien untersucht.
Das ist der häufigste Anlass, aus dem Menschen zu Kulturen greifen. Zwei Dinge sind dabei praktisch relevant.
Abstand halten. Ein Antibiotikum unterscheidet nicht zwischen erwünschten und unerwünschten Bakterien. Werden beide gleichzeitig eingenommen, wirkt das Antibiotikum auch gegen die zugeführten Kulturen. Üblich sind mindestens zwei Stunden Abstand.
Breite schlägt Menge. Nach einer Antibiotikatherapie ist die Vielfalt der Darmflora reduziert, nicht nur die Menge. Eine Mischung aus mehreren Stämmen ist in dieser Situation naheliegender als ein Einzelstamm in hoher Keimzahl.
Und ein gutes Zeichen, gerade in dieser Kategorie: Seriöse Anbieter beschreiben genau, was drin ist – mit Stamm, Kennung und Keimzahl.
Das ist die Stammkennung, also die Bezeichnung des konkreten hinterlegten Organismus. Sie macht die Angabe überprüfbar.
Eine hohe Keimzahl ist ein guter Start. Am meisten sagt sie zusammen mit den enthaltenen Stämmen und einem Schutz, damit die Kulturen den Magen überstehen.
Weil die Gattung Lactobacillus 2020 auf Basis genetischer Analysen in 25 Gattungen aufgeteilt wurde. Der Organismus ist derselbe geblieben.
Häufig empfohlen wird die Einnahme nüchtern etwa 30 Minuten vor dem Frühstück, weil der Magen dann weniger sauer ist.
Bei magensaftresistenten Kapseln nicht. Die Hülle ist Teil der Formel; ohne sie erreicht ein Großteil der Kulturen den Darm nicht.
Die Darmflora verändert sich langsam. Übliche Anwendungszeiträume liegen bei mehreren Wochen, nicht bei Tagen.
Moderne gefriergetrocknete Kulturen sind meist bei Raumtemperatur stabil. Maßgeblich ist die Angabe des Herstellers.
Nur mit zeitlichem Abstand von mindestens zwei Stunden, sonst wirkt das Antibiotikum auch gegen die zugeführten Kulturen.
Joghurtkulturen sind meist andere Stämme in geringerer Menge und ohne Schutz vor der Magensäure.
Bei stark geschwächtem Immunsystem oder laufender immunsuppressiver Therapie gehört die Einnahme ärztlich abgeklärt. Gleiches gilt in Schwangerschaft und Stillzeit.
Im Darm Komplex sind alle 13 Stämme namentlich mit Kennung deklariert, darunter Lactobacillus acidophilus LA85, Lacticaseibacillus rhamnosus LRa05, Lactiplantibacillus plantarum Lp90, Bifidobacterium longum BL21 und Streptococcus thermophilus ST81. Die Tagesdosis von zwei Kapseln enthält 30 Milliarden KbE, dazu 300mg L-Glutamin und 5mg Zink als Bisglycinat.
Die Kennungen sind der Punkt, an dem sich diese Kategorie entscheidet. Sie machen aus einer Gattungsangabe eine nachprüfbare Angabe – und sie binden den Hersteller: Wer den Stamm mit Kennung deklariert, kann ihn nicht still gegen einen günstigeren derselben Art tauschen.
Die Kapselhülle ist magensaftresistent, umgesetzt über HPMC mit Gellan. Das ist der Grund, warum die Kapseln nicht geöffnet werden sollten – die Hülle ist hier Teil der Formel, nicht nur Verpackung. Und dass 13 Stämme aus mehreren Gattungen kombiniert sind statt eines einzelnen in maximaler Keimzahl, folgt derselben Überlegung wie oben: Breite ist in dieser Kategorie das interessantere Maß. Den Darm Komplex findest du zusammen mit unserem Immun Komplex unter Nahrungsergänzung für Darm und Abwehr – praktisch, wenn du gut durch Herbst und Winter kommen willst.
Passende Kapseln: Probiotika Kapseln.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.